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Erstmals konnte auch in Niedersachsen ein blinder Abiturient am Zentralabitur teilnehmen

Blinder Schüler und Zentralabitur

Unter Verweis auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat ein blinder Schüler im Abitur 2011 erstmals gefordert, am "Zentralabitur" teilzunehmen und den bisher praktizierten Nachteilsausgleich in Gestalt von dezentral erstellten Aufgaben als "Benachteiligung" eingestuft.

 

In § 23 der geltenden Abiturprüfungsverordnung heißt es zum Nachteilsausgleich:

"Für Prüflinge mit Behinderungen kann das vorsitzende Mitglied der Prüfungskommission Erleichterungen der äußeren Prüfungsbedingungen zulassen. Für einen Prüfling mit Sinnesbeeinträchtigung kann die oberste Schulbehörde nach Vorlage eines begründeten Antrags der Schule ein von § 2 Abs. 2 Satz 1 abweichende Aufgabenstellung zulassen." In § 2 Abs. 2 Satz 1 der Abiturprüfungsverordnung werden die Fächer aufgeführt, für die landesweit einheitliche Aufgabenstellungen im Zentralabitur vorgesehen sind.

 

Im Falle eines blinden oder sehbehinderten Prüflings haben die Schulen bisher einen Antrag auf einen Nachteilsausgleich nach § 23 AVO-GOFAK gestellt, der dann vom Kultusministerium genehmigt worden ist. Bei der Antragsstellung und der Antragsgenehmigung wurden dabei auch Gesichtspunkte berücksichtigt, die der Verband für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik e.V. in seinem Verfahrensvorschlag "Regelungen für die Teilnahme der blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schüler an den Vergleichsarbeiten und Zentralen Abschlussprüfungen" darlegt. Erfolgten die Aufgabenstellungen für die schriftliche Abiturprüfung durch die Schule, so hat die Landesschulbehörde darauf geachtet, dass es sich bei ihnen im Vergleich zu landesweit einheitlichen Aufgabenstellungen mit Bezug auf die Aufgabenart, den Aufgabenumfang und die Aufgabenschwierigkeit um gleichwertige Aufgabenstellungen handelte.

 

Im Abitur 2011 tritt nun erstmals der Fall auf dass ein blinder Schüler unter Verweis auf die Praxis in anderen Ländern verlangt, die landesweit einheitlichen Aufgabenstellungen in der schriftlichen Abiturprüfung vorgelegt zu bekommen. Dieses Verlangen ist von ihm selbst und von mehreren anderen Petenten an das Kultusministerium schriftlich herangetragen worden. Zu dem Sachverhalt hat das Kultusministerium in mehreren Antwortschreiben Stellung genommen und die Gründe, warum bisher bei blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern anders verfahren worden ist. Diese Gründe sind im Wesentlichen die folgenden:

 

  1.  Länder, die landesweit einheitliche Aufgabenstellungen auch für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler in der Abiturprüfung bereitstellen, haben in der Regel andere Vorbereitungsphasen zu Erstellung blindengerechter Aufgaben. In einem Land wird sogar ein spezielles Gymnasium für Blinde geführt.
  2. Die Komplexität der Aufgabenstellungen in den einzelnen Prüfungsfächern bedarf einer differenzierten Fachbetrachtung. So enthalten die Aufgabenstellungen in Mathematik und Physik häufig Diagramme, grafische Darstellungen und Formeln, die sehr komplex sind, so dass bei der Erstellung einer blindenspezifischen Adaption ein erheblicher technischer Zeitaufwand bis hin zum Erstellen von dreidimensionalen Modellen erforderlich ist und ein zusätzlicher Beratungsaufwand zwischen Aufgabensteller und -bearbeiter entsteht. Vergleichbares gilt für Fächer wie Erdkunde oder Kunst, in denen mit farblich gestalteten Aufgabenmaterialien gearbeitet wird. Und selbst bei einem ausreichenden zeitlichen Vorlauf ist nicht gewährleistet, dass eine entsprechende Umsetzung der Aufgabenstellungen durchgängig möglich ist, da sich bestimmte Aufgabenteile in blindenspezifischer Variante nicht vollständig darstellen lassen. Für diesen Fall müssen dann dezentrale Aufgaben erstellt werden.
  3. In Niedersachsen ist die Abgabe der Aufgaben für die schriftliche Abiturprüfung mit landesweit einheitlichen Aufgabenstellungen zur blindengerechten Adaption an das Landesbildungszentrum für Blinde in der Regel erst ca. vier Wochen vor dem eigentlichen Prüfungstermin möglich. Insbesondere für die oben genannten Fächer reicht dieser Zeitraum für die Adaption unter Umständen nicht aus.
  4. Dem zu Recht erhobenen Anspruch auf Gleichbehandlung in der Abiturprüfung wird mit Bezug auf die Aufgabenart, den Aufgabenumfang und die Aufgabenschwierigkeit der schriftlichen Abiturprüfungsaufgaben auch bei dezentralen Aufgabenstellungen vollständig Rechnung getragen. Die von einer Schule dezentral erstellten und von der Landesschulbehörde genehmigten Aufgaben sind vollständig gleichwertig mit den landesweit einheitlichen Aufgaben. Einem blinden oder sehbehinderten Schüler entstehen somit keine Nach- oder Vorteile. Dezentrale Aufgabenstellungen gibt es im Übrigen auch beim Zentralabitur in den Prüfungsfächern, die nur an einzelnen Schulen auftreten. Schülerinnen und Schülern, die diese Fächer als Abiturprüfungsfächer wählen, entstehen ebenfalls keine Nach- oder Vorteile. Dezentrale Aufgabenstellungen gibt es schließlich auch dann, wenn ein Prüfling aus von ihm nicht zu vertretenden Gründen die beiden zentralen Schreibtermine nicht hat wahrnehmen können. Dezentrale Aufgaben werden von der Landesschulbehörde geprüft und genehmigt.

Trotz dieser Gründe hat in dem vorliegenden Fall der blinde Schüler zunächst darauf bestanden, die Prüfung mir landesweit einheitlichen Aufgabenstellungen absolvieren zu können und nur für den Fall dezentrale Aufgabenstellungen zu akzeptieren, dass es nicht gelingt, mithilfe des Landesbildungszentrums für Blinde eine zeitgerechte und fachliche adäquate Adaption der landesweit einheitlichen Aufgabenstellungen für die schriftliche Abiturprüfung 2011 zu realisieren. Dies ist gelungen, so dass er am Haupttermin der Prüfung mit denselben Prüfungsaufgaben wie seine Mitschülerinnen und Mitschüler teilnehmen konnte.

 

Der Fall ist insoweit beispielgebend, als sich durch ihn die bisherige Praxis und Perspektive mit Bezug auf die Anwendung eines Nachteilsausgleichs bei der Bereitstellung von Prüfungsaufgaben für die schriftliche Abiturprüfung geändert hat. Wurde bisher die Genehmigung von dezentralen Aufgabenstellungen als angemessene Hilfestellung für blinde oder sehbehinderte Prüflinge verstanden, so muss nun für sie die Teilnahme an der Abiturprüfung mit denselben Aufgabenstellungen wie für alle anderen Prüflinge Ausgangspunkt der Überlegungen sein. Nur wenn es nachweislich zwingende Gründe gibt, diese Prüflinge nicht wie alle anderen behandeln zu können, muss auf dezentrale Aufgabenstellungen zurückgegriffen werden. Zwar ist auch in Zukunft jeder Fall einzeln zu betrachten und zu entscheiden. Unter dem Gesichtspunkt der Inklusion ist aber ein Perspektivwechsel eingetreten: Zunächst ist auf die Anwendung des Nachteilsausgleichs bei der Aufgabenstellung im bisher verstandenen Sinne zu verzichten.

Das Kultusministerium wird die diesbezügliche Verfahrenspraxis umzustellen haben.

 

(i. V. Köppen-Castrop)

 

Quelle: Schulverwaltung Niedersachsen (SchVw Ni), Zeitschrift für Schulverwaltung und Schulaufsicht, Ausgabe 05/2011, S. 157. Verlag: Carl Link.

 

Mit freundlicher Genehmigung: Fachzeitschrift SchulVerwaltung Niedersachsen 5/2011. WoltersKluwer Deutschland GmbH, Köln

 

 

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