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Handicap-Rudern

Alle in einem Boot


Im Rahmen der Serie "Sportentwicklung als Chance für Vereine" (s. a. LSB-Magazin 03/2012) wird der Oldenburger Ruderverein in dieser Ausgabe vorgestellt.

"Das hab ich aber auch so noch nicht erlebt", sagt ein erstaunter blinder Ruderer aus Hannover. Mitglieder des Rudervereins "Zinfandel" am Landesbildungszentrum für Blinde sind Besuch beim Oldenburger Ruderverein: "Heringsrudern" und hinterher "Hering satt" im gemütlichen Vereinsheim betreut vom Ehepaar Weinke steht auf dem Programm.

 

 

Zu sehen sind die Teilnehmer des Heringsruderns und unsere sehbehinderten und blinden Sportler

Was er noch nicht so erlebt hat: Die Beschreibung der Vereinsräume findet sich in dreifacher Form für einen blinden Ruderer wie ihn auf der Schautafel: In Braille-Schrift "erhaben" (also in tastbaren Lettern) und als tastbares Symbol. Da weiß er gleich, wo die Duschen sind, wenn er später wieder aus dem Boot steigt. "Die laufen bei uns so mit", lautet die unaufgeregte Erläuterung des Vorsitzenden des Oldenburger Rudervereins, Ulrich Pohland. Pohland, von Haus aus Bauingenieur, zeigt das Vereinsgelände. Jung und Alt trifft sich vor dem Bootshaus zwischen Küstenkanal und Hunte. Skiffs ("Einer"), Vierer und Rennachter werden klar gemacht. Der Kinder-Vierer ist schon auf dem Wasser: "soschnellwienix" – der Name scheint Programm.

Stark sehbehinderte und blinde Menschen in einem Ruderboot: Gut gemeint- aber ist das überhaupt praktikabel? "Klappt wunderbar. Ganz toll." Ebenso unprätentiös wie entschieden kommt die Antwort von Pohland. Wie kommt man denn überhaupt auf diese Idee? "Das ist mir durch den Kopf gegangen. Wir wollten mal etwas Neues machen", erläutert Pohland. Wobei: "Ich selber mache ja nichts. Sitze nur da und mache mir Gedanken", sagt er mit leichtem Schmunzeln. Der Mann mag nicht am Steuer eines Vierers sitzen- steuern tut er allemal. Sich Ziele zu setzen- und diese umzusetzen Das ist ihm in seiner Rolle als Vorsitzender des Vereins wichtig. “Man müsste mal ... " ist für ihn ein Unwort. Seine Management-Erfahrung klingt immer wieder durch: Konzeptionelle Ideen zu entwickeln und deren Umsetzung engagiert angehen. Das ist ihm wichtig. Genauso wie ein lebendiges Ehrenamt mit Anerkennungskultur.

"Verlässlichkeit und Struktur – Kameradschaft und Mitmenschlichkeit", erläutert er seinen Wertekanon. Eine Chance für einen Verein - aber auch ein hoher Anspruch.

Was den Anspruch anbelangt: Der Oldenburger Ruderverein ist Stützpunkt des Deutschen Ruderverbandes. Leistungssport wird neben dem Breitensport groß geschrieben. Pohland will die Leistungssportler unter seinen Ruderern schon .auf's Treppchen" bringen. Dass dies gelingt, davon zeigen eindrucksvoll Ruderblätter, die in Schwarz-Rot-Gold lackiert sind und Mitglieder der Nationalmannschaft ausweisen. Aber Ziele geben nicht nur Leistungssportlern positive Motivation: Nicht auf einer Handicapregatta, sondern auf den offenen, regulären Regatten sollen die Jugendlichen (blind, mit oder ohne Sehbehinderung) gemeinsam starten und dann natürlich gewinnen. Sei es die Zusammenführung aller Ruderer aus dem Nordwesten Niedersachsens im "Team Nordwest" mit dem Hauptsponsor EWE oder Pohlands Tätigkeit als Sportstättenbeauftragter bei der Stadt Oldenburg: Umtriebig und gut vernetzt scheint der Vorsitzende und damit "sein" Verein zu sein. Und Marketingorientiert: Pohland möchte die Randsportart Rudern auch den Leuten näher bringen, die mit dieser Sportart eigentlich nichts zu tun haben. Sei es über das .Weihnachtsmarktrudern" mit den Ruderern aus der Partnerstadt Groningen oder das Drachenbootrennen mit 5.000 Besuchern. Die Aufmerksamkeit ist dem Ruderverein gewiss.

Auch im Bereich der Zusammenarbeit von Verein und Schule sieht der Oldenburger Ruderverein Chancen: Mit zwei Schulen gibt es bereits Kooperationsverträge. Darüber hinaus ist der Verein als Ausbilder für Lehrer beim Land Niedersachsen anerkannt, d. h. der Verein bildet Sportlehrer im Fach Rudern aus. Diese wiederum wirken als Multiplikatoren in die Schulen hinein und unterstützen so die Nachwuchsarbeit für den Rudersport fachkundig und mit Elan.

Zurück an die Hunte: Ein Handicap-Parkplatz, Braille-Schrift im ganzen Vereinshaus, im Bootsschuppen tastbare Wegmarkierungen in der Mitte, damit keiner gegen die Bootsausleger läuft. Gerade das Handicap-Rudern "lebt" vom Engagement der Beteiligten. Der "Mobile Dienst" bringt die Gehandicapten zum Verein - dort wartet mit Jens Appelbohm der "Handicap-Beauftragte" auf sie. Der im Übrigen als "Ehrenamtlicher des Jahres 2011" in Niedersachsen geehrt wurde. Nach zehn Übungseinheiten "laufen die mit", so Pohland. Theoretisch können vier Blinde rudern - und ein sehender Steuermann sorgt für die Peilung.

Was sie wohl wahrnehmen, fragt man sich als Sehende - angesichts des bunten Treibens auf der Hunte mit dem Blick auf die weiten Flächen des Naturschutzgebiets Buschhagener Niederung. Vermutlich die singenden Vögel, den leichten Frühlingshauch auf der Haut. Die munteren Stimmen ringsum aus den Booten. Vielleicht aber auch noch mehr: Das nächste Mal werden sie selber gefragt!

Susanne Eifers

Quelle: 06.01.2012 – LSB-Magazin


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