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Einfache Hilfsmittel für blinde Kinder in Myanmar

Beitrag der Klasse H3 zum Schulwettbewerb des Bundespräsidenten zur Entwicklungspolitik
„alle für EINE WELT für alle“

"Einfache Hilfsmittel für blinde Kinder in Myanmar"


Wir, die Klasse H 3, haben am Schulwettbewerb des Bundespräsidenten zur Entwicklungspolitik


„alle für EINE WELT für alle"


mit dem Thema „Einfache Hilfsmittel für blinde Kinder in Myanmar" im Schuljahr 2013/2014 teilgenommen und gewonnen.

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Unter 573 eingereichten Beiträgen waren wir nicht nur unter den besten 100 Einsendern, sondern auch in der allerengsten Auswahl der Jury unter den letzten 9 der Kategorie 4!
Und so durften die Schülerinnen und Schüler sich über eine persönliche Urkunde und ein Preisgeld über insgesamt 100 Euro Freuen.


Wir sind sieben Schülerinnen und Schüler aus der Klasse H3 am Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover. Wir arbeiten viel in Projekten. Vor den Herbstferien 2012 hatten wir für drei Wochen eine Praktikantin in unserer Klasse. Sie hieß Miriam John und war schon eine richtige Blindenlehrerin.

Miriam wollte sich bei uns mal anschauen, was man mit blinden Kindern und Jugendlichen so alles im Unterricht machen kann und was es für Hilfsmittel gibt. Nach ihrem Praktikum wollte sie nämlich an eine Blindenschule nach Meiktila gehen. Das liegt in Myanmar. In Deutschland sagt man zu Myanmar auch Birma. Miriam war schon einmal für ein Jahr dort. Sie hat uns viel über das Land erzählt und darüber, dass die Kinder dort in der Blindenschule kaum Hilfsmittel für den Unterricht haben. Miriam hat uns auch erzählt, dass die Menschen in Myanmar sehr arm sind und die Blindenschule kein Geld vom Staat bekommt.

Die Blindenschule in Meiktila wird von der Hildesheimer Blindenmission unterstützt. Miriam hat uns erzählt, dass alle Kinder dort im Internat leben und nur einmal im Jahr nach Hause fahren können. Insgesamt gibt es 60 Kinder und Jugendliche an der Schule. Die Kinder schlafen auf einfachen dünnen Matten auf dem Boden. Sie haben nicht, wie wir, jeder ein eigenes Zimmer, sondern teilen sich den Schlafraum mit 30 anderen Kindern. An der Blindenschule gibt es nur einmal am Tag eine Stunde Strom. Den braucht man, damit die elektrische Wasserpumpe des Brunnens angeht und sich jedes Kind einen Eimer Wasser zum Duschen füllen kann. Abends gibt es kein elektrisches Licht, sondern nur Kerzen. Obwohl die Menschen in Myanmar so arm sind und auch Miriam und die anderen Lehrer nur auf Matten auf einem Holzgestell schlafen können, hat es ihr dort sehr gut gefallen und sie freut sich schon auf ihre Zeit in der Blindenschule in Meiktila.

Als Miriam bei uns war, haben wir ihr gezeigt, wie wir so arbeiten und was es an Hilfsmitteln gibt. Unser Lehrer, Herr Engel, hat Miriam aber auch unser schönes Blindenmuseum gezeigt. Dort kann man sich anschauen, wie blinde Kinder früher mal in der Schule gelernt haben. Miriam meinte, dass viele dieser Dinge aus unserem Museum für die blinden Kinder in Myanmar heute noch sehr nützlich sein könnten. Wir haben uns dann gemeinsam überlegt, was wir machen könnten, damit die Kinder dort mit einfachen Hilfsmitteln, die nicht viel Geld kosten, etwas lernen können.

Darüber wurde sogar in der Zeitung berichtet.

Ein paar Hilfsmittel haben wir uns schon ausgedacht und gemeinsam mit unsern Lehrern und Betreuern gebaut. Und so haben wir es gemacht:


Die einfache Zeichentafel

 

Für die Zeichentafel braucht man zwei feste Pappen, engmaschigen Draht, zwei möglichst breite Gummibänder oder große Büroklammern und einen Tacker.

Der engmaschige Draht wird so geschnitten, dass er etwas größer ist als die Pappe, damit man ihn an allen vier Seiten fest um die Pappe spannen kann. Anschließend wird er mit den Klammern nach unten festgetackert. Von unten wird die zweite Pappe gegengetackert. Die breiten Gummibänder werden oben und unten über den Draht gespannt und festgetackert. Zum Zeichnen oder Malen braucht man Papier, einen Kugelschreiber oder einen Wachsmalstift. Die Linien und Flächen kann man dann gut fühlen.

Der Vorteil bei dieser Zeichentafel ist, dass man keine teuren Folien, sondern ganz normales Papier nehmen kann.

Das Zeichenbrett „DraftsMan“ kostet bei Marland 119,90 € und 100 Blatt Zeichenfolie kosten 9,95 €.

Wir haben eine Zeichentafel gemacht, die nur ungefähr 1 € kostet.


Marie beim Malen auf der Zeichentafel
Das einfache Maßband

 

Man benötigt ein Schneidermaßband aus Plastik, das man aufrollen kann.

Man kann es in jedem Kaufhaus kaufen.

Mit einer Lochzange wird an der Seite bei jedem Zentimeter ein halbes Loch gestanzt, das man gut fühlen kann. Alle fünf Zentimeter wird in der Mitte ein ganzes Loch gestanzt, damit man größere Längen leichter messen kann.

Mit diesem Maßband kann man kleine Gegenstände und Entfernungen ausmessen und bekommt dann mit der Zeit eine Vorstellung davon, wie groß ein Gegenstand ist und wie breit zum Beispiel ein Tisch oder eine Tür ist. Wer keine Lochzange hat, kann mit einer Schere auch kleine Dreiecke in das Maßband schneiden. Die Löcher im Maßband kann man auch mit einem Nagel durchstechen. Wenn man es aber so macht, müssen die Betreuer mehr helfen.

Ein Maßband beim Deutschen Hilfsmittelversand in Dresden kostet 9, 95 €, unser Maßband nur ungefähr 2 €.
Melik beim Lochen des Maßbands


Der fühlbare Zollstock

 

Man braucht einen einfachen Zollstock aus Holz. Mit einer Handsäge werden bei jedem Zentimeter an einer Seite kleine Kerben eingesägt. Bei allen Zahlen, wo hinten eine fünf steht, wird zusätzlich auf dem Zollstock quer eine lange Kerbe eingesägt. Bei allen Zahlen, wo hinten eine Null steht, wird auf beiden Seiten eine kleine Kerbe eingesägt und eine große Kerbe quer rüber. Alle 20 cm ist eine Niete. Da kann man nichts einsägen, aber man kann die Nieten gut fühlen.

Wir brauchten unsere Zollstöcke nicht zu bezahlen, weil es Werbegeschenke waren.

Ein einfacher Zollstock im Laden kostet ca. 2,00 €.

Ein fühlbarer Zollstock kostet beim Deutschen Hilfsmittelvertrieb 24,87 €.

Marie beim Einsägen des Zollstocks

 

Das Papplineal

 

Mit einer Rollenschneidemaschine haben wir aus Pappe Streifen geschnitten. Sie sind 30 cm lang und ca. 2,5 cm breit. Unsere Betreuer haben bei jedem Zentimeter mit einem Stift einen Strich gemacht und die Lochzange dort angesetzt. Wir durften dann zudrücken und ein halbes Loch ausstanzen. Wenn man keine Lochzange hat, kann man genau wie bei unserem einfachen Maßband mit einer Schere kleine Dreiecke ausschneiden.


Beim Deutschen Hilfsmittelvertrieb in Hannover kostet ein einfaches Lineal (20 cm) 2, 40 €. Unser Lineal kostet gar nichts.

Janosch beim Lochen des Papplineales

Marvin beim Lochen des Papplineales


Der Globus aus Papier und Stoffresten

 

Zuerst haben wir einen Luftballon aufgepustet, der ungefähr so groß ist wie ein mittelgroßer Wasserball. Dann haben wir ihn mit drei Schichten Papier beklebt und blau angemalt, als er trocken war. Anschließend haben wir dann Butterbrotpapier auf eine Landkarte gelegt und mit Handführung die einzelnen Kontinente abgemalt. Die Umrisse von den Kontinenten haben unsere Betreuer dann für uns ausgeschnitten und auf feste Stoffreste gelegt, die man gut fühlen kann. Dann wurden die Kontinente nochmal ausgeschnitten. Gemeinsam mit unseren Betreuern haben wir dann die Stoffreste an der richtigen Stelle auf unseren Ballon geklebt. Das war gar nicht so einfach.

Als Ständer für unseren Globus haben wir einen alten Eimer genommen. Man kann aber auch eine leere Konservendose oder einen Blumentopf nehmen

Unser Globus hat nichts gekostet.

Ein Globus bei der blista in Marburg kostet ca. 650,00 €


Marie beim Bekleben des Globus


Die einfache Kinder-Braille-Zeile

Im unserem Blindenmuseum haben wir eine Stecktafel gefunden, mit der die Kinder früher Punktschrift gelernt haben. Wir haben sie ausprobiert und fanden sie ganz toll, weil wir die Punkte so gut stecken und dann fühlen konnten. So eine Stecktafel kann man heute gar nicht mehr kaufen. Weil wir sie aber so toll finden, haben wir die Tafel aus unserem Museum ausgeliehen. Dann kamen wir auf die Idee, auch so etwas für die Kinder in Myanmar nachzubauen.

Unsere Lehrer haben dann ein längliches Stück Hartschaum mitgebracht. Das war in einem Paket Verpackungsmaterial. Es sieht aus wie eine Leiste. Aus unserer Wäscherei haben wir Stecknadeln mit dicken Plastikköpfen bekommen. Mit einer Ahle haben wir die Löcher für die Grundform (6 Punkte) der Punktschrift in einen Pappstreifen mehrere Male gestochen. Den Pappstreifen mit der Grundform braucht man, damit man die Stecknadeln an der richtigen Stelle reinsteckt und den Buchstaben lesen kann.

Für die einfache Kinder-Braille-Zeile muss man nur die Stecknadeln kaufen. Eine Packung mit 50 Nadeln kostet ungefähr 3,30 €.

 

Julian beim Arbeiten mit der Brailleleiste

 

Die selbstgebaute Brailleleiste und das Original


Das vereinfachte Showdown-Spiel

 

Für den Sportunterricht und für die Freizeit haben wir uns auch etwas ausgedacht. Unser Lehrer, Herr Engel, hat uns erzählt, dass es für blinde Menschen ein Tischballspiel gibt. Das heißt Showdown. Unsere Betreuer haben für uns im Internet nachgesehen, wie so ein Spiel genau aussieht und es uns beschrieben. Dann haben wir gemeinsam überlegt, was wir alles brauchen, um es selbst zu bauen. Auf dem Boden von unserer Schule stand noch ein alter Tisch. Den durften wir nehmen. Wir brauchten aber noch Holz und Schrauben. Diese Sachen haben wir im Baumarkt bekommen. Das Holz haben wir für die Bande, 2 Tore, 2 Schläger, eine Trennplatte und die Spielfläche gebraucht. Aus unserer Wäscherei haben wir eine alte grüne Tischdecke bekommen, weil wir gerne wollten, dass unser Spiel wie ein Tischfußballspiel aussieht. Unser Ball, mit dem wir spielen, ist ein Klingelball. Den hat unser Lehrer für uns in einer Tierhandlung gekauft. Es ist ein kleiner Ball, mit dem eigentlich Katzen spielen. Wir brauchen einen Klingelball, damit wir hören können, wo der Ball gerade ist. Unser ehemaliger Zivi Christoph hat uns dabei geholfen, das Spiel zu bauen. Er hat nämlich Tischler gelernt. Als unser Spiel fertig war, haben wir es erst mal in der Klasse ausprobiert.

Wir haben uns auch eigene Spielregeln ausgedacht, weil die Spielregeln vom richtigen Showdown-Spiel für uns viel zu schwer sind.

Dann haben wir andere Schülerinnen und Schüler zu uns in die Klasse eingeladen, damit sie unser Spiel auch mal ausprobieren konnten. Alle fanden es toll. So kamen wir auf die Idee, ein Showdown-Turnier in unserer Klasse zu machen.

Durch unser Showdown-Turnier haben wir uns alle viel besser kennengelernt.

 

Vielleicht können die Kinder und Jugendlichen in Myanmar auch mit einfachen Mitteln so ein ähnliches Spiel nachbauen und haben dann viel Spaß in ihrer Freizeit oder im Sportunterricht.


Spielregeln für das Tischfußballspiel „Showdown“

  1. Es gibt zwei Spieler. Sie müssen sich eine Augenbinde aufsetzen.
  2. Es gibt einen sehenden Schiedsrichter.
  3. Jeder spielt mit einem Schläger.
  4. Nachdem man geschossen hat, muss der Schläger hochgehoben werden.
  5. Eigentore zählen nicht.
  6. Rollt der Ball ins eigene Feld zurück, darf man höchstens dreimal schießen.
  7. Wenn man ins Aus schießt oder sich nicht an die Regeln hält, bekommt der Gegner den Ball.

 

Ein Showdown-Spiel ist richtig teuer. Es kostet ca.1800 Euro.

Unser Spiel war nicht teuer. Es hat nur ungefähr 20 € gekostet.


Maße für den Spieltisch

Maße für die Bande

80cm+120cm+80cm+120cm=400cm

Maße für den Tisch

80cm+120cm=200cm


Melik und Marie spielen Showdown

 

 

Wir haben auch Briefe an Professor Degenhardt von der Uni in Hamburg und an die Christoffel Blindenmission geschrieben und gefragt, ob sie vielleicht auch ein paar Ideen für einfache Hilfsmittel haben, die wir für die Kinder in Meiktila bauen können. Die Christoffel Blindenmission konnte uns nicht weiterhelfen und von der Uni Hamburg haben wir leider keine Antwort bekommen.

Nachdem wir schon länger an unserem Projekt gearbeitet haben, haben wir erfahren, dass Miriam nicht mehr in Myanmar an der Blindenschule ist und auch die Hildesheimer Blindenmission die Schule nicht weiter unterstützt. Wir waren ganz traurig, als wir das hörten. Dann haben wir aber von Herrn Ewert von der Hildesheimer Blindenmission erfahren, dass nun eine neue Schule aufgebaut werden soll.

„Wer neu anfängt, braucht viel Unterstützung“, haben unsere Lehrer gesagt. Wir wollen unsere Hilfsmittel weiter bauen, damit die freiwilligen Helfer, die dann an die neue Schule in Myanmar gehen, den Kindern mit einfachen Hilfsmitteln viel beibringen können. Vielleicht möchten aber auch die Eltern von den blinden Kindern unsere Hilfsmittel nachbauen. Wir wollen unsere Hilfsmittel auch auf unsere Homepage stellen. Vielleicht interessiert sich mal jemand dafür, der blinden Kindern in armen Ländern helfen möchte.

Wir haben viel Spaß an unserer Arbeit und hoffen, dass Ihnen unser Projekt auch gefällt.

Die Klasse H3 aus dem Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover mit den Schülerinnen und Schülern Marie-Jolin Helms, Meret Lohmann, Julian Hinken, Melik Isik, Marvin Kohlwey, Alexander Riese und Janosch Wahlers;der Schulbegleiterin Katharina Michou und dem Schulbegleiter Torsten Barkhof;dem BFDler Maximilian Eickmann; sowie den Lehrern Rolf Uwe Engel und Ulrike Krüger mit Blindenführhund Bauxi.


 

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