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Saliya Kahawatte hält einen Vortrag im LBZB

Zeitungsartikel aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung:

15.04.2010 / HAZ Seite 17 Ressort: HANN

 

Der Zuversichtliche

Saliya Kahawatte im Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover

Saliya Kahawatte im Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover

(Foto: J. S. Steiner)

 

Er ist schon als Schüler weitgehend erblindet – hat aber weiter den Sehenden gespielt und in normalen Jobs gearbeitet. Dann wurde bei Saliya Kahawatte Krebs diagnostiziert. Er ließ sich nicht unterkriegen.

 

Für Saliya Kahawatte war es ein aufregender Vormittag, auch wenn man im Landesbildungszentrum für Blinde gestern davon kaum etwas spürte. Schon oft hat er seine Lebensgeschichte erzählt, in Vorträgen und im Fernsehen berichtet, wie er blind als Kellner, Hotelbetriebswirt und Restaurantmanager arbeitete, ohne das jemand seine Behinderung bemerkte. Doch gestern sprach er das erste Mal vor etwa 200 Zuhörern, die selbst von Sehschwächen betroffen sind, und zeigte sich berührt.

 

„Wenn ich bei Kerner sitze, schauen Millionen Menschen zu, und ich kann mein Programm durchziehen“, sagt Kahawatte, „aber diesmal habe ich es mit Profis zu tun. Was soll ich denen schon erzählen?“

Der 40-Jährige brauchte den Zuhörern auch keinen Vortrag zu halten. Sein Leben spricht für sich – dabei ist es gar nicht der Kampf gegen die zunehmende Sehschwäche, die seine Geschichte ausmacht. Es ist eher der Kampf darum, sich die Behinderung  einzugestehen, sie zu akzeptieren. Als er 15 Jahre alt war, sollte Kahawatte ein Referat halten, doch er konnte seine Aufzeichnungen nicht mehr lesen.

Diagnose: Netzhautablösung bis zur Erblindung.

 

Kahawatte verfügte nur noch über 20 Prozent Sehkraft, nahm Menschen nur durch ihre Umrisse wahr, heute sieht er bei einer Sehkraft von fünf Prozent seine Umwelt wie durch eine Milchglasscheibe. Trotzdem sollten Mitschüler nichts erfahren. Kahawatte fürchtete, seinen Realschulabschluss nicht machen und kein normales Leben führen zu können. Also begann er den Sehenden zu spielen. Eingeweihte Freunde waren skeptisch. Sie empfahlen ihm, Blindenschrift zu lernen. „Aber ich wollte nicht. Ich wollte lernen, mein Leben so normal wie möglich zu leben“, sagt Kahawatte. Er ließ sich aus Schulbüchern vorlesen, bat Freunde, ihm die Tafelbilder zu  beschreiben. Während die Kumpels in der Disko feierten, lernte er nicht aufzufallen.

„Nicht alle Freunde machten das lange mit“, erzählt Kahawatte. Sie zogen sich zurück, einige hänselten ihn aufgrund seiner Brille „mit Gläsern dick wie Glasfliesen“. Doch der Schüler setzte sich durch und machte sogar Abitur. „Ich hätte mich für den einfachen Weg entscheiden können, bin aber meinen Weg gegangen“, sagt Kahawatte. Der heute 40-Jährige scheint ein ganzes Repertoire solcher Sätze vorrätig zu haben. Als ob er sich ständig vergewissern muss, dass er es am Ende geschafft hat. Denn nach seinem Abitur folgte nicht der Aufstieg zum charmanten, selbstständigen Motivationstrainer, der er heute ist. Kahawatte arbeitete als Kellner und Barmixer in Fünf-Sterne-Hotels und verschwieg seine Krankheit im Glauben, sonst keine Chance zu haben. „Ich spielte allen eine Show vor“, erzählt Kahawatte.

 

Er kam früher als alle anderen an seine Arbeitsplätze, maß den Abstand des Bestecks zum Teller mit seinen Fingern ab, lernte Speisekarten auswendig, sortierte nachts den Weinkeller, um den richtigen Tropfen ohne Lupe zu finden, und trainierte zu Hause mit Tellern zu balancieren, indem er Erbsen darauf legte.

„Ein Koch hat mich angeschrieen, ich solle Zwiebelringe schneiden und keine Zwiebelbalken“, erinnert er sich. Aber dafür sah er nicht gut genug. 15 Jahre blieb Kahawattes Sehschwäche unentdeckt. Mit 24 Jahren eröffnete er in Hamburg sein erstes Restaurant, und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt wurde ihm dann Hodenkrebs diagnostiziert. „Der Körper hatte den Stecker gezogen“, sagt er. Es folgten Operationen, drei Chemotherapien. „Ich hatte mich überfordert.“ Kahawatte gewann den Kampf gegen den Krebs, doch er litt an Depressionen und begann Drogen zu nehmen. Nach Suizidversuchen kam er in eine Psychiatrie. Erst dort konnte er offen über seine Sehschwäche reden und gewann dadurch wieder Lebensmut. Er wurde Unternehmensberater, baute Restaurants auf und schrieb seine Geschichte auf.

 

Heute ist der entspannte Hamburger gefragter Redner. „Ich glaube, es ist alles gut, aber jeder Tag ist eine Herausforderung“, sagt Kahawatte. Mit Mut, Zuversicht und viel Naivität sei er dort angekommen, wo er hin wollte. „Man muss das Beste aus seiner Situation machen“, sagt Kahawatte. Wieder so ein Satz, aber man spürt, wie ernst es ihm damit ist. Und so sagt er: „Auch wenn ich mich nicht im Spiegel sehen kann, kann ich mich im Spiegel anschauen.“

 

Jan Sedelies Steiner

 

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