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Tiergestützte Pädagogik im Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover
– Ein Projekt mit Heim- und Nutztieren -

Seit Mai 1993 bin ich, Ulrike Krüger; als pädagogische Mitarbeiterin in der Förderschule „Schwerpunkt Sehen (Blinde) und geistige Entwicklung“ am Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover beschäftigt. Aufgrund einer degenerativen Netzhauterkrankung verschlechterte sich mein Sehvermögen seit meinem 10. Lebensjahr stetig, so dass ich mich im Jahr 2000 dazu entschloss, den Verlust meines Augenlichtes mit Hilfe eines Blindenführhundes zu kompensieren. Mit meinem Führhund Teddy erhielt ich jedoch nicht nur ein erhebliches Maß an Mobilität zurück, sondern gewann auch spürbar an Lebensfreude und -qualität.
Beziehungen und Kontakte im Alltag und an meinem Arbeitsplatz veränderten sich positiv.
Schülerinnen und Schüler aus anderen Klassen besuchten uns in meiner Schulklasse.
Kollegen aus anderen Bereichen der Einrichtung, zu denen ich vorher kaum Kontakt hatte, suchten das Gespräch mit mir.
Einladungen in andere Klassen folgten.
Das Interesse an meinem Hund ist an der Blindenschule bis heute ungebrochen. Diese Erfahrungen mit Teddy führten dazu, mich näher mit der für mich offenkundig besonderen Wirkung von Tieren auf den Menschen zu beschäftigen. Mir wurde im Laufe der letzten Jahre immer bewusster, dass ein Großteil unserer Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer zum Teil sehr schweren Behinderungen auf keine oder nur sehr wenige Erfahrungen mit Tieren zurückgreifen können. Eltern schwerst-mehrfachbehinderter blinder Kinder aus dem Bereich der Frühförderung bemühten sich in jüngster Zeit immer häufiger um Gelder für Delfintherapien in den USA. Je öfter ich Kenntnis solcher Bemühungen bekam, desto größer wurde mein Wunsch, unseren Kindern und Jugendlichen einen Kontakt zu Heim- und Nutztieren zu ermöglichen und sie Erfahrungen machen zu lassen, an die auch zukünftig ohne erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand angeknüpft werden kann.
einen regelmäßigen Tierbesuchsdienst donnerstags von 9 bis 12 Uhr für den Zeitraum vom 07.02.-26.06.2008 mit insgesamt 18 Einheiten
sowie einen Kinderzirkus vom 30.06.-04.07.2008 täglich in der Zeit von 10:30 bis 12:00 Uhr und 13:00 bis 14:30 Uhr.
Bei den Tierbesuchen wurden Esel, Hühner, Kaninchen, Meerschweinchen, Ponys, Schafe und eine kleine blinde Retrieverhündin unterstützend in der pädagogischen Arbeit eingesetzt. Ziel dieses Projektes war es, hochgradig sehbehinderten, blinden und sehgeschädigten mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen einen Kontakt zu Tieren zu ermöglichen, diese in Alltagssituationen zu erleben, zu erkunden und zu versorgen und somit möglicherweise vorhandene Ängste durch neue Erfahrungen abbauen zu können, Vertrauen in eigene Fähigkeiten zu gewinnen und neue Handlungs- und Sozialkompetenzen zu entwickeln.
Wichtig hierbei erschien mir das Prinzip der Freiwilligkeit. Die Kinder und Jugendlichen sollten im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbst bestimmen, wie viel Kontakt sie zu den Tieren zulassen wollten und in welchem Tempo dies geschehen konnte. Es wurde mit diesem Projekt keinesfalls beabsichtigt, missionarisch auf Eltern, Kinder und Jugendliche einzuwirken, um diese zu bewegen, eigene Tiere anzuschaffen. Wünschenswert erschien mir vielmehr, allen Beteiligten durch den Kontakt zu den Tieren zu vermitteln, dass diese – genau wie wir Menschen – Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen und Emotionen sind und dass nur ein Tier, das artgemäß gehalten wird, sich wohlfühlen kann und die Verhaltensweisen zeigt, an denen wir uns so sehr erfreuen.
Tiergestützte Interventionen rücken in Deutschland zunehmend in den Fokus von Pädagogen, Psychologen, Medizinern und Wissenschaftlern. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Erfahrungsberichten aus der Ergo- und Physiotherapie, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, aus dem Einsatz in Krankenhäusern, dem Strafvollzug, aus sonderpädagogischen Arbeitsfeldern, der Geriatrie und Gerontopsychiatrie etc., in denen der positive Einfluss von Tieren auf den Menschen beschrieben wird. Mir ist bisher jedoch kein Beispiel bekannt, in dem Heim- und Nutztiere in der pädagogischen Arbeit in der Förderschule mit hochgradig sehbehinderten, blinden und sehgeschädigten mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen in dem Umfang eingesetzt wurden, wie in dem vorgestellten Projekt.
Wann immer ein intensiver Mensch-Tier-Kontakt in pädagogischen, therapeutischen oder gar medizinischen Arbeitsfeldern angebahnt werden soll, treten Fragen im Bezug auf die Hygiene und mögliche Risiken auf. Die meisten Menschen kennen Nutztiere, z. B. Esel, Geflügel, Rinder, Schafe nur noch aus dem Fernsehen und dann zum Teil nur aus ziemlich realitätsfremden Zusammenhängen – die lila Kuh. Selbst diejenigen, die auf dem Land leben, haben kaum noch Gelegenheit, Nutztiere auf Weiden und Wiesen zu beobachten und zu erleben, da diese oft im Rahmen der Massentierhaltung in großen für Besucher nicht zugänglichen Ställen „verschwinden“. Dieser Mangel an Erfahrungen im Kontakt und Umgang mit Nutztieren führt vielfach zu Verunsicherungen, erzeugt diffuse Befürchtungen und falsche Rückschlüsse im Hinblick auf die „Gefahren“, die vermeintlich von diesen Tieren ausgehen.
Etwas differenzierter werden Heimtiere (z. B. Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen etc.) gesehen. Allein der Begriff „Heimtier“ impliziert schon ein gewisses Maß an Domestikation und Vertrautheit und erleichtert somit vielen Menschen einen vorurteils- und angstfreien Zugang zu ihnen. Sofern einige grundsätzliche Regeln im Rahmen eines klaren Konzeptes unter Berücksichtigung der bestehenden Strukturen einer Einrichtung befolgt werden, kann das Infektions- und Unfallrisiko bei einen Tierkontakt minimiert bis ausgeschlossen werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Umgang mit Tieren Risiken und Infektionsgefahren mit den unterschiedlichsten Erregern (Viren, Bakterien, Pilzen, Parasiten), Unfallgefahren (Kratzen, Beißen, Sturz) sowie die Gefahr, dass Allergien ausgelöst oder verschlimmert werden, existieren. Wägt man jedoch Risiken und Nutzen gegeneinander ab, sind der positive Einfluss, die zu erwartende Freude und die heilende Auseinandersetzung mit dem Tier höher einzustufen als die möglichen Infektionsrisiken.
(vgl. Schwarzkopf/Weber (2003)
Die Arbeit mit Tieren und hochgradig sehbehinderten, blinden sowie sehgeschädigten mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen erfordert eine besonders strukturierte und einfühlsame Form der Herangehensweise. Bereits bei den ersten Tierbegegnungen hat sich gezeigt, dass eine positive Kontaktaufnahme zu den Tieren nicht von den kognitiven, motorischen und visuellen Fähigkeiten unserer Kinder und Jugendlichen im Landesbildungszentrum für Blinde abhängig ist, sondern vielmehr von der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen. In Begleitung einer ihnen vertrauten Betreuungsperson, mit Geduld, viel Einfühlungsvermögen und unter Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse sowie behinderungs- und persönlichkeitsbedingten Voraussetzungen konnten Situationen geschaffen werden, die sich sehr positiv auf das Wohlbefinden und damit auf die Entwicklung dieser jungen Menschen auswirkten.
Die Resonanz auf das Projekt war in der Gesamteinrichtung überwältigend hoch. Sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch Eltern und Kollegen empfanden den Besuch der Tiere als große Bereicherung. Die Tierbesuche waren hervorragende Themen für die Kommunikation innerhalb der gesamten Einrichtung und nahmen einen breiten Raum in der Interaktion ein. Die Tiere „lieferten“ Gesprächsstoff in allen Bereichen. Diejenigen Kinder und Jugendlichen, die schreiben können, waren motiviert, kleine Berichte über sie zu schreiben. Auch für die schwerst mehrfachbehinderten Kinder und Jugendlichen schienen die Tiere Sprachanlässe zu schaffen. Kolleginnen und Kollegen bemerkten, dass die Schülerinnen und Schüler während und nach den Tierkontakten vermehrt lautierten. In den Internatsaktivitäten gaben die Tierbesuche Anlass, Zoo- oder Tierparkbesuche mit den Internatsbewohnern zu planen und damit einer noch größeren Zahl von Bewohnern Kontakte zu Tieren zu ermöglichen.
Nach meinem Erachten war und ist der Tierbesuchsdienst von Ingrid

Stephan für unsere gesamte Einrichtung eine ideale Alternative zur eigenen Tierhaltung. Er ermöglicht
eine große Flexibilität ohne jegliches finanzielles Risiko. Unsere Schülerinnen und Schüler haben die Gelegenheit, viele verschiedene Tiere mit einer Vielfalt an Persönlichkeiten individuell kennen
zu lernen. Je nach Bedarf, Kapazitäten und finanziellen Möglichkeiten können die Tierbesuche zukünftig intensiviert werden oder aber auch in größeren Abständen erfolgen. Die damit verbundenen Kosten sind kalkulierbar und
bergen keine „bösen Überraschungen“. Da Frau Stephan alle ihre Tiere gut kennt, ist gewährleistet, dass die Auswahl der Tiere genau auf die Bedürfnisse unserer Kinder und Jugendlichen abgestimmt ist. Sollte sich ein bestimmtes Tier dennoch im Kontakt zu unseren teilnehmenden
Schülerinnen und Schülern als nicht so geeignet erweisen, besteht jederzeit die Möglichkeit, dieses nicht mehr in der pädagogischen Arbeit mit unseren Kindern einzusetzen. Im Falle eigener Tierhaltung im Landesbildungszentrum wäre die Lösung nicht so einfach. Während des Projektes schienen sich die Kinder, Tiere und alle weiteren am Projekt beteiligten Personen jedoch im Umgang miteinander sehr wohl zu fühlen, so dass für alle klar war:
Das Projekt im Landesbildungszentrum für Blinde muss weitergehen!
Finanziert wurde das Projekt von der Kroschke-Kinderstiftung aus Braunschweig, der ich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich für die großzügige Spende danken möchte. Erfreulicherweise kann die pädagogische Arbeit mit den Tieren im Schuljahr 2008/09 durch die finanzielle Unterstützung der AWD Stiftung Kinderhilfe fortgeführt werden. Dafür sind wir sehr dankbar.
Ulrike Krüger
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