.

96 macht Schule

Quelle: Rote Kurve Magazin - Fanzeitschrift von Hannover 96. / Folge  7

 

 

Landesbildungszentrum für Blinde

 

Schon bevor ich meine drei Interviewpartner im Landesbildungszentrum für Blinde (LBZB) Herrn Petersen, Herrn Caspers und den zeigt dieFanecke im Außenbereich des LBZBAuszubildenden Andreas Trupp treffe, wird klar: in dieser Einrichtung gibt es 96-Fans. Vor dem Außenportal steht eine schwarz-weiß-grün gestrichene Bank, im Eingangsbereich befindet sich eine Fanecke. Somit ist die Grundlage für eine nette, interessante Unterhaltung über 96, Fußball im Allgemeinen und das Landesbildungszentrum für Blinde gelegt.

Neben der Frühförderung und der Entwicklungsbegleitung von
Geburt an können blinde und hochgradig sehbehinderte Kinder in Hannover die Förderschule mit dem Schwerpunkt Sehen besuchen und hier verschiedene Schulabschlüsse erlangen. Außer den Lerninhalten der allgemeinbildenden Schulen sind Inhalte der Blindenkurzschrift und des Umgangs mit PCs im Lehrplan implementiert.

Für Schüler, deren täglicher Schulweg zu weit ist und die nicht im Rahmen der integrativen Beschulung durch den mobilen Dienst betreut werden, ist dem LBZB ein Internat angegliedert. In diesem wohnen auch Jugendliche, die im Landesbildungszentrum ihre berufliche Ausbildung absolvieren. Auch bietet das LBZB umfassende Hilfen im Bereich der beruflichen Ausbildung und Fortbildung und der Rehabilitation an.

Neben den schulischen und beruflichen Komponenten gibt es zahlreiche sportliche Aktivitäten – z. B. der Blindenfußball. Blindenfußball wird mit einem speziellen rasselnden Ball gespielt. Blindenfußball spielen vier blinde Sportler sowie ein sehender Torwart gegeneinander. Zusätzlich werden die Teams noch durch einen Torguide unterstützt, der hinter dem gegnerischen Tor steht und durch Kommandos versucht, den ballführenden Sportler zum Torabschluss und Torerfolg zu rufen. Jeden Montag findet das Training im Blindenfußball statt. Die besten Kicker der Trainingsgruppe haben die Möglichkeit beim Training des Bundesligateams Eintracht Braunschweig teilzunehmen.
Blindenfußball in Braunschweig, ein Einzugsgebiet in ganz Niedersachsen, da ist eine Schulpartnerschaft mit Hannover 96 nicht ganz selbstverständlich!

Von den Lehrern des LBZB wurden blindenspezifische Führungenim Niedersachsenstadion initiiert – so kam der Kontakt zu den  Roten zustande. Seit 2009 ist das Landesbildungszentrum für Blinde Partnerschule von Hannover 96. Zur Ernennungsfeier waren Manuel Schmiedebach und Markus Miller zu Gast und konnten selber – ausgestattet mit Augenbinden – das Toreschießen und -halten und Passspiel erproben.

Die Schüler des LBZB verfolgen seitdem die Spiele der 96er. In Eigenherstellung wurde eine Klotztabelle gebaut, die jeden Montag zeigt d selbstgebaute Bundesligatabelleaktualisiert wird. Mit Hilfe der jeweiligen Autokennzeichen können die Schülerinnen und Schüler ertasten, wer gerade die Tabelle anführt und für wen es in der Saison noch eng werden könnte.

Auch im Stadion waren die LBZBler schon einige Male. Ursprünglich hatten sie Karten für die Osttribüne. Das hat sich seit dieser Saison geändert. Im Osten hört man fast nur die gegnerischen Fans, so Andreas. Auf den „neuen“ Plätzen im Block W 7 bekommt man Stimmung der Nordkurve mit und kann besser mit den Roten mitfiebern. Für die Karten, die der Partnerschule durch Hannover 96 zur Verfügung gestellt werden, herrscht großer Andrang. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich für die Tickets bewerben. Das Liveerlebnis im Stadion organisieren die Schülerinnen und Schüler weitestgehend selber. Je nach Mobilität fahren sie ggf. mit Begleitung gemeinsam zum Stadion.

Es bleibt zu hoffen, dass das Team von Hannover 96 weiter den Erfolgskurs hält, um den Fußballfans des Landesbildungszentrums für Blinde weiterhin unvergessene Stadionerlebnisse zu ermöglichen.

Text & Bilder I Anja Kutzke





Impressionen von Andreas Trupp

Schule 96 mit allen Sinnen erleben

Der 27jährige Andreas ist 96-Fan. Aber: Er hört das Spiel nur, die Gesänge und Kommentare der Zuschauer, denn er ist im Bereich Sehen stark beeinträchtigt. Das hält ihn nicht davon ab, die Spiele der Roten im heimischen Stadion zu verfolgen und zu erleben.
In der Ostkurve hat 96 spezielle Plätze für Fans mit Sehbehinderungen eingerichtet. Die Spiele werden per Kopfhörer von Sportstudenten kommentiert. Ostkurvenkarten seien aber sehr teuer, so Andreas, und die Stimmung schwappt dort auch nicht so richtig über. Daher steht er lieber im Norden, wo er die Gesänge der Heimkurve hört und das Spiel durch emotionale Erzählungen anderer Fans aufnimmt. Die Atmosphäre sei dort doch eine andere und durch die Kommentare verschiedener Leute auch sehr interessant und abwechslungsreich.
zeigt den ehemaligen LBZBSchüler Andreas Trupp mit zwei seiner Lehrer.
Auch auswärts ist Andreas dabei. Er war u. a. schon in Dortmund und München.
München sei toll gewesen, beim BVB sei er mit einem ebenfals sehbeeinträchtigten Freund in eine Gruppe Hardcorefans geraten. Das war nicht so nett, so Andreas. Er wolle ja keine Sonderbehandlung haben, aber Ordner, die sich auskennen und ihm und seinen Freunden helfen, ihren Platz zu finden, wären schon wünschenswert.

Eine Hilfe wäre es bei Auswärtsspielen, eine Handynummer von einem Verantwortlichen von 96 zu haben, der in solch prekären Situationen weiterhelfen und vermitteln könnte. Verbesserungspotenzial sieht Andreas, der 96-Mitglied ist, auch bei Kartenbestellungen.
Die seien für ihn sehr schwierig. Im Internet könnten Tickets nur von Sehenden bestellt werden, da ein Sicherheitscode eingegeben werden müsse. Da die 96-Homepage nicht barrierefrei sei, müsse er den Weg über die kostenpflichtige, unpersönliche Tickethotline wählen, wo ihm oftmals nicht weitergeholfen werden konnte. Vielleicht ließe sich was ändern, um sehbeeinträchtigten Fans die Stadionerlebnisse zu vereinfachen?
Trotz allem bleibt Andreas seinen Lieblingskickern treu und feuert sie weiterhin bei Heim- und Auswärtsspielen an.

Text & Bild I Anja Kutzke



Dieser Artikel wurde bereits 4674 mal angesehen.



.